Irgendwie komisch. Ich habe mich in letzter Zeit von ziemlich vielen Leuten verabschiedet und immer endet es mit einer Umarmung. “Mach’s gut!” folgt darauf. Mach’s gut. Das hoffe ich auch. Das alles gut geht. Wir kämpfen uns durch die Nacht, durch die düsteren Strassen der Stadt. In wenigen Momenten kommt die letzte Umarmung. Ein kleiner Hund steht uns im Weg und ich bedanke mich innerlich bei ihm dafür. Das gibt nochmal ein paar Sekündchen. Ich will nicht. Es soll nicht aufhören. Alles soll so weiter laufen wie in den letzten Wochen. Doch es geht nicht. Der Hund ist schnell wieder weg und der Abschied kommt mit dem Schnellzug angerasst. Ich bring dich nochmal zum Lachen… und dann… sind’s nur noch ein paar Meter. Noch nie sind diese geschätzten 5 Meter so schnell an mir vorbei gerast. Es hat keinen Zweck. Ich kann die Zeit nicht stoppen. Das ist einer meiner Träume die wohl nie in Erfüllung gehen werden. Du drehst dich um, schaust mir in die Augen… ich sehe wie deine Arme immer grösser werden, immer und immer grösser, schon fast so wie bei Michael Jordan in Space Jam.
Es dauert sicherlich nur Sekunden diese Umarmung. Nicht länger als alle vorherigen. Und wie bei allen Vorherigen will ich dich kaum loslassen. Wenigstens jetzt soll die Zeit still stehen, diese verrückte Welt wenigstens etwas länger mal ruhen und mich einfach nur mich seien lassen. Doch diese Hoffnung stirbt in dem Moment als du deine Hände langsam von meinem Rücken lösst. Du wünschst mir “Alles Gute” und einen guten Start ins neue Leben. Ich lächele, oder versuch es zumindest, bedanke mich, und schaue dir nach wie der Wind dein blondes Haar nach hinten wirft und du in die Nacht verschwindest.
Und irgendwie bin ich danach so durcheinander, dass ich nicht mal mehr weiss wo ich eigentlich hingegen muss. Nach links oder nach rechts. Keine Ahnung. Meine persöhnliche Welt steht noch für ein paar weiter Minuten still. Es ist noch so als ob ich dich noch umärmeln würde. Wie sagt meine Grossmutter immer zu mir über Freundschaften: ‘Das was du um sonst bekommst, lernst du erst richtig schätzen und lieben wenn du es nicht mehr besitzt.’ Unser Freundschaft geht zwar weiter, aber irgendwie versteh ich diesen Satz heute etwas besser als noch vor einigen Wochen.
Und ich glaube es war Goethe der einmal sagte: „Man muss oft etwas Tolles unternehmen, um nur wieder eine Zeit lang leben zu können.” Und mit dieser Erkenntnis und Hoffnung auf gute Tage und Woche verabschiede ich mich von diesem Dorf.
…auf ein neues Leben!
Eigentlich hatte ich nicht mit einer gerechnet, doch ablehnen wollte ich auch nicht. Ich wollte dahin und diesen Tag mit ihr und ihrer Familie verbringen. Ich wusste nicht ob sie noch andere Freunde eingeladen hatte oder ob ihre Geschwister Freunde eingeladen hatten. Keine Ahnung ob ihre Eltern ihre neue Partner mitbringen würden und ob wir vielleicht einen Moment für uns ganz alleine bekommen würden.
Es hatte den ganzen Tag geregnet und es war eigentlich ein “bleib im Bett liegen”-Tag, doch hey… wenn ich dies jetzt tuen würde, wäre alles vorbei. Ich bereitete mich also auf den Abend vor, das heisst ich besorgte Blumen und natürlich ein Geschenk für den gemeinsamen Moment. Als ich endlich einen perfekten Anzug angezogen hatte – ja das dauert auch bei Männern manchmal länger – machte ich mich langsam auf den Weg zu ihrem Haus. Es hatte für ein paar Sekunden aufgehört zu regnen. Ein Zeichen von oben? Jedenfalls konnte ich so meinen neuen Mantel anziehen, in dem ich, und das muss ich hier einfach mal so sagen, einfach fabelhaft aussehe.
Ich schaffte es grade noch so zu ihrem Haus. Es hat nämlich grade wieder mit Regen angefangen. Doch zum Glück bin ich jetzt schon im Trocknen. Der Freund ihrer Mutter hat mir grade die Tür geöffnet. Ob die Blumen für ihn wären, fragt er mich schmunzelnd. Ich sei nicht von diesem Ufer, es tue mir leid, antwortete ich ebenfalls lächelnd. Ich verstehe mich gut mit Bob. Er ist ganz ok, vielleicht auch weil er weiss dass er nur der Freund der Mutter ist und ich schon den Vater und die Brüder gegen mich habe.
Amy’s Mutter kommt die Treppe runter und sagt gleich: „Amy ist leider noch nicht da. Sie ist noch unterwegs, mit… ehm… soll ich dir die Blumen abnehmen.” Mit wem ist sie unterwegs? Hach, da war sie wieder meine grosse Eifersucht, dabei sind wir nicht mal zusammen. Noch nicht. „Die Blumen waren sowieso für Sie gedacht, Mrs. Hammer”, sagte mein Mund ohne dass mein Verstand drüber nach gedacht hätte. „Schön sind sie. Danke.”, lautete ihre Antwort. Da fragte mich Bob, doch glatt ob ich jetzt hinter Amy’s Mutter her wäre. Mann, wieso kann Bob nicht Amy’s Vater sein? :S
Eine gute Stunde später…
Amy ist endlich da. Sie sieht mal wieder toll aus, auch wenn ich ihr das nicht so gesagt habe. Sie hatte ein langes, schwarzes Kleid an. Wunderschön. Doch leider, und das verdanke ich ihrem Vater, sitze ich während dem Familienessen nicht neben ihr, sondern neben ihm. Er wolle mal ein kleines “Männergespräch” mit mir haben. Ich war, das muss ich vielleicht als kleine Anmerkung für die Leser dieses Blogs hinzufügen, das einzige Nicht-Familienmitglied am Esstisch. Amy’s Bruder durften nicht, ihre Schwester wollte nicht und Amy selbst wollte nur mich als Gast dabei haben. Peinliche Moment vorprogrammiert!
Es starte mit einem Hollywood-Klassiker. Als guter Atheist wollte ich gleich ans Essen rangehen. Nix da, die Familie ist zum Teil streng gläubig. Amy ist es nicht, aber die Majorität siegt nun mal in einer Demokratie. Ob das nun gut oder schlecht ist, kann jeder für sich selbst beantworten. Jedenfalls hatte ich mit dieser Szene schon (wieder) einen Negativpunkt bei Amy’s Dad gelandet. Grossartig.
Während des Essens sollte dann ein kleines “Männergespräch” stattfinden. Amy’s Brüder waren auch dran beteiligt. Trotzdem war ich derjenige der die Fragen beantworten musste. Eine Gegenfrage war nicht erlaubt, oder sagen wir mal so, ich traute mich nicht wirklich eine zustellen. Bob wiederum hielt sich aus dem Gespräch komplett raus und lächelte manchmal nur in meine Richtung. Er unterhielt sich viel mehr mit Amy. „Wie läuft es mit den Anmeldungen? Schon Antworten bekommen? Also du hast sicher schon welche bekommen. Sind sie positiv? Oder doch eher negativ?”, lautete ‘eine’ Frage von ihrem Dad. Antworten hätte ich bereits bekommen antwortete ich. „Eine Entscheidung getroffen?”
„Nein, Sir.”
„Was ist denn im Moment eher wahrscheinlich?”
„Was meinen Sie?”
„Na, geht’s ab nach Canada, die USA oder bleibst du doch noch hier in England?”
„Hmm…”
„Ich hasse Unsicherheit bei Leuten”, unterbrach er meinen ‘Satz.’ Amy’s Brüder schüttelten einfach den Kopf. Ich war gefangen. Gefangen am Esstisch einer Freundin, die ich vor einigen Minuten noch zu der Freundin machen wollte. Jetzt aber war ich mir da nicht mehr so sicher. Ob ich dann jedes Mal so ein “Männergespräch” durch machen muss?
„Es ist ein grosser Schritt und Amy…”
„Und Amy was? Wieso hängt deine persöhnliche Entscheidung von meine Tochter ab?”
Das ist DIE Frage. Auf einmal ist alles im Haus ruhig. Selbst die Katze hört auf zu schnurren und schaut wie alle anderen Lebewesen im Haus mich an. Ich spüre Amy’s Blick. Ich weiss dass die Antwort auf diese Frage alles entscheiden wird. Ich blicke rüber zu Amy. Ganz langsam, damit ich alle Gesichter sehen kann. Ich fange regelrecht an zu schwitzen. Alle starren sie mich an. Und dann ist sie da… Amy. Ihre braunen Augen durchdringen meinen Körper und sehen auch aus als ob sie sich nicht ganz sicher ist, was meine Antwort seien wird. Ich will dies jetzt nicht vermasseln.
„Hmm…Sir… es ist so. Ich kenne ihre Tochter jetzt schon seit einigen Wochen. Ich habe viele Seiten an ihr entdeckt. Also ehm… persöhnliche… also… hmm… nicht sexuell…ehmm… ich glaub sie verstehen es, oder? Ich bin einfach schon vor einiger Zeit zum Entschluss gekommen, dass ich ihre Tochter in meinem Leben haben will. Sie ist eine… [Pass auf was du jetzt sagst!] Sie ist… sie ist mir wichtig. Ich weiss, ich hab vielleicht noch nicht alle ihre Fragen beantwortet – ich werde dies sicher und gerne tuen – doch bitte, lassen sie mich meine Antwort auf ihre letzte Frage etwas anders beantworten. Darf ich?”
Er blickte mich. Seine Augen waren leer, als ob er innerlich grade gestorben sei. Ich wusste nicht ob dies nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen seien sollte. Nach wenigen Sekunden, nickt er ganz langsam mit dem Kopf.
Ich nehme mein iPod aus meiner Hosentasche und schliesse ihn an den Player im Nebenzimmer an. Ein Blick zu Bob, der sofort aufsteht und sich neben den Player stellt, ohne dass ich es vorher mit ihm abgesprochen hätte. Ich gehe rüber zu Amy und strecke langsam meine Hand aus. „Wanna rock it, Baby?”, frage ich. Es ist ein ‘Inside Joke’ von uns beiden. Mit ihrem Lächeln beruhigt sie mich ein wenig. Es ist das erste Mal an diesem 15. April 2009 dass ich mich etwas entspannt fühle. Langsam gehen wir rüber zum neuen für diesen Tag extra eingerichteten ‘Dancefloor’ ihrer Familie. Ihre Hand lege ich auf meine Hüfte, und lege meine auf ihren Rücken. Ein kurzer Blick rüber zu Bob. PLAY!
Und ja, das Lied und den Tanz beenden wir mit einem Kuss. Was mich aber am meisten überrascht, ist die Reaktion der Familie. Es gibt Applaus. Sogar von ihrem Vater, der mir trotzdem in einem kurzen Moment klar macht, dass ich ihr ja nicht weh tuen soll. Ihre Mutter sagt das Gleiche, ihre Schwester gratuliert uns, ihre Brüder wünschen mir “Viel Glück” und Bob fragt mich wieso ich nicht schon früher am Abend mit Amy tanzen wollte. Ich lächele bei jedem ‘Gespräch.’ Glücklich, endlich dieser Kerl zusein, der ich seien wollte. Ich bin nicht irgendeiner, ich bin ihrer. Ich weiss nicht ob es für immer ist, doch momentan hoffe ich es einfach nur. Dieser Abend ist unvergesslich und so endet er auch mit viel Musik, vielen Tänzen und mit sehr viel Gelächter. Ich hätte an diesem Apriltag alles verlieren können, doch ich habe echt eine Freundin und eine zweite Familie dazu gewonnen.
(Damit nicht zuviele trauernde Stimmung hier aufkommt. Es gab ja auch in den letzten Stunden 1, 2 positive Meldungen. )
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Nach mehren Monaten hab ich endlich wieder Zeit für meinen Schwarm, oder umgekeht? Egal, wir haben uns nach Monaten mal wieder gesehen. Ich führte sie richtig aus und zeigte ihr die schönsten Orte meiner Stadt, in der ich momentan noch lebe. Ein Umzug ist für Ende des Jahres, wahrscheinlich November oder Dezember, geplant. Das ist jedoch eine klare Nebensache hier und jetzt. Ich führte sie also aus. Natürlich gingen wir zum Inder, das ist einfach das beste Restaurant der Stadt. Ein kleiner Tisch ist noch frei. Als wir uns dorthin begaben, schauten uns die anderen Leute richtig nach. Einer hat mir zugelächelt und hob seinen Daumen. Ich weiss nicht was diese Geste bedeuten sollte, aber ich empfand es jetzt mal als positiv. Nach nur wenigen Sekunden scheinen alle Leute über uns zureden. Immer wieder schmeissen sie uns Blicke zu und probieren ihren Männern, Frauen, Freunden, Freundinnen irgendetwas zu zuflüstern.
Sie bemerkt ganz schnell, dass ich dieses Geflüstere weniger ausstehen kann als sie und probiert mich etwas zu beruhigen. Es funktionniert. Wie könnte es auch anders sein. Diese wunderschönen braunen Augen, die sie mit feinem Make-Up untermalt hat. Das Lächeln, das mich egalwie schlecht es mir geht, immer für ein paar Sekunden glücklich machen kann. Das kleine Stirnerunzeln, wenn sie schmunzelt oder versucht ein paar Worte meiner Sprache zuverstehen. Ihre Finger mit denen sie immer “spielt” wenn sie sich nicht richtig für etwas entscheiden kann und/oder sie nervös wird. Die beiden blondgefärbten Haarsträhnen, die ihre Wangen ganz leicht berühren. Ich weiss nicht wann ich mich das letzte Mal so vollkommen gefühlt habe. Wahrscheinlich nie. Soll ich jetzt wieder französisch mit ihr sprechen? Hmm… ich mag es wenn sie dann so dahin schmilzt. Sie mag diese Sprache so sehr und ärgert sich immer wenn ich ein Wort benuze was sie noch nicht kennt. Das ist richtig süss wenn sie das tut.
Langsam nervt mich die Flüsterei auf den Nebentischen aber richtig und es hat zur Folge, dass ich beschliesse direkt nach dem Essen die “Flucht” mit ihr zu ergreifen.
Bezahlt…und raus
Es ist schon richtig dunkel draussen und die ersten Partymacher kreuzen schon auf. Sie sind mir aber egal, da heute nur für sie reserviert ist. Monate musste ich drauf warten, jetzt will ich auch einen schönen Abend. Ich gehe mit ihr Hand in Hand, mein Gott was hab ich das vermisst, zu meiner absoluten Lieblinsstelle in dieser Stadt und obwohl ich noch nicht alle Orte in diesem Land gesehen habe, bin ich mir ziemlich sicher, dass es einer der schönsten im ganzen Ländle ist. Und so einen muss ich ihr doch einfach zeigen.
Überall wird getuschelt und ein Autofahrer pfeift ihr hinterher. Da ich sowas nicht ausstehen kann, ich mir aber vorgenommen habe heute nichts “Böses” zutuen, entscheide ich mich dafür einen Spruch eines Kumpels zubenutzen: “Danke schön! Ich lieb dich auch!”, rufe ich dem sichtlich schockierten Autofahrer hinterher. Mein Schwarm schaut mich an und fragt mich doch glatt, ob sie mich schwul gemacht hat. Wir fangen beide an herzhaft zulachen.
Endlich sind wir da und blicken uns ganz langsam um. Da unten die Arbeiterwelt, dort oben die Finanzwelt, dort hinten Teile der ehemaligen Burg und wir sind hier. Ich habe meine rechte Hand um hiere Taille gelegt und sie schaut mich an und ja… langsam bewegen sich unsere Köpfe aufeinander zu. “Morgen ist sie wieder weg. In London.”, schiesst mir durch den Kopf. Es ist halt wirklich nicht leicht in so eine junge Frau verliebt zusein. Ach… wir sind ja beide richtig gerne vollbelagert mit Arbeit. Und sie ist ja aber auch ganz einfach meine Prinzessin, die ich endlich wieder für ein paar Stunden bei mir habe. Es ist jetzt. Wir sind hier. Zusammen. Dies ist unser Tag, unser Moment.
Ich hab nichts über Chris gefunden. Das ist die schlechte Nachricht des Tages. Die noch schlechtere sie loggte sich grade im MSN ein. Ich weiss eigentlich eine gute Nachricht aber nicht wenn du eigentlich nicht richtig mit ihr reden willst. Du weißt was sie dir sagt. Du weißt dass sie sich wohl unsterblich verliebt hat und sie dich jetzt nur braucht um alles schön zureden und ihr dabei hilft ihre Eltern vorzubereiten. „Been there, done that”, sagen die Engländer und dieses Mal -mit ihr- sollte doch endlich alles anders werden.
Ich schaue rund 1 Stunde lang auf ihren Namen. Es ist ein sehr komisches Gefühl das dabei aufkommt. Nie in meinem ganzen Leben hätte ich gedacht, daß ich sie mal in meiner Buddy-Liste haben würde. Nie in meinem Leben hätte ich mir erträumen lassen, daß ich so einen Menschen kennen lernen dürfte und so viel Zeit in den letzten Monaten mit dieser Person verbingen durfte.
Yes, We Can. Yes, we can save this world. Yes, we can.
Mein neuer Klingelton, so zu sagen aus aktuellem Anlass. Oh… eine SMS. Es ist sie. Ich soll sie bitte so schnell wie möglich anrufen. Es wäre “dringend”. Ich weiß nicht ob dieses “dringend” wirklich “dringend” ist, oder nur für sie dringend zusein scheint. Ich entscheide mich dafür daß es nur für sie dringend wäre und entschliesse mich sie nicht anzurufen. Stattdessen höre ich noch ein bisschen melankolische Musik und probiere ein paar Seiten in diesem Buch hinter mich zubringen. Morgen Abend muss ich den ersten Entwurf eines Vortrags abgeben und hab nicht mal die Hälfte des Buches gelesen. Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig als diese Nacht mit dem Buch zuverbringen. Wie schön das Leben doch ist.
1 Stunde später
Irgendwie krieg ich sie nicht aus meinem Kopf. Dieser Tag war doch zum Kotzen. Ich frag mich echt was ich wohl in meinem letzten Leben falsch gemacht habe.
Klopf, klopf.
„Eine Sekunde”, ruf ich. Ob jetzt wohl noch jemand von der Uni kommt? Ich mach nur langsam die Tür auf. Es ist Amy. Sie zittert und ihre Augen sind ganz feucht. Ich dachte es mir doch. „Was hat er dir angetan?”, frag ich verärgert und bereit ihm genau das Gleiche anzutun. Amy guckt mich verdutzt an. „Nein, es geht nicht um Chris. Er ist…ich erzähl’s dir spääääät”, sagt sie und weint los. Ich nehm sie einfach nur in meine Arme und obwohl ich gerne die Hintergründe kennen würde, bin ich mir in diesem Moment sicher daß nun einfach festhalten und trösten das beste seien würde. Ich kriege sie dazu sich auf mein Bett zusetzen und als sie sich ein wenig beruhigt hat, erfahre ich erst (fast) alles. Ihr Vater hatte ein Autounfall in London und liegt in der Klinik. “Es sieht schlecht aus” meinten die Ärzte zu ihr am Telefon. Amy’s Mutter ist momentan in Paris und probiert dort einen Durchbruch in ihrem Job zumachen. Amy’s kleine Geschwister wären nicht im Wagen gewesen. Sie wäre wohl noch zu Hause. „Hast du schon mit ihnen telefoniert?”, frag ich. „Oh… nein”, antwortet sie und ist sichtlich geschockt. Ich leihe ihr mein BlackBerry.
Und noch ehe sie mich fragt, ändere ich meine Pläne. Hier geht es um Leben und Tod, da ist das Studium zweitrangig. Ich glaube das wird mein Professor schon verstehen. Als sie anfangen will mich zu fragen, sag ich nur “Schhhh”. Ich ziehe meine Jacke an und lege meinen Arm um ihre Taille. Ich küsse sie ganz saft auf die Stirn und sag ihr, daß alles gut ausgehen wird. Ich weiß nicht ob ich Recht habe oder nicht. Ich hoffe es einfach. Amy probiert eines ihrer schönen Lächeln auf ihre Lippen zuzaubern. Es misslingt ihr. Aber ich liebe sie dafür, dass sie es für mich probiert hat.
Die Autofahrt nach London dauerte eigentlich nur 1 Stunde aber es kam mir so vor als ob es mindestens 6 gewesen wären. Stille. Niemand wollte was sagen. Die CD in ihrem Wagen kannte auch nur ein Lied:
Bei Amy zu Hause brennen keine Lichter als wir ankommen und ich befürche etwas Schlimmes. Ich bitte Amy im Auto zubleiben und wenn ich in 15 Minuten nicht wieder da wäre die Polizei zurufen. Aber ehrlich gesagt, glaube ich eher, daß ich die Polizei rufen müsse wegen einer Kindesentführung. Ich öffne die Tür ganz langsam und tappe mich im Dunkeln durch die Wohnung. Stille. Es ist so als ob niemand im Haus wäre. Mein Herz pocht noch mehr als vorhin im M4. Ich glaub ich war noch nie so nervös wie jetzt. Angstschweiss legt sich auf meine Stirn nieder. Ich habe Angst. Ich empfinde selten Angst und ja eigentlich hab ich auch nur Angst vor der Bewahrheitung meiner Vermutung. Und wohl auch Angst vor Amys Reaktion wenn sich meine Vermutung wirklich bestätigt. Ich stehe in der Tür zur Küche und entschliesse mich ein Messer mitzunehmen. Man weiß ja nie. Trotzdem glaub ich noch immer fest an eine Kindesentführung. Kindesentführung. Kindesentführung. Kindesentführung. Immer wieder ist dieses Wort in meinem Kopf als ich langsam Meter für Meter in diesem Haus abchecke. Jedesmal wird das Gefühl der Angst grösser wenn ich Amys kleine Geschwister in einem weiteren Teil dieses grossen Hauses immer noch nicht sehe. Kindesentführung. Es ist ein Wort das viele nicht richtig kennen, viele mussten zum Glück noch keine erleben. Eins ist klar, es ist neben Kindesmord und Kindestod sicherlich das dritte Wort in der “Will ich nie erleben”-Liste von Eltern weltweit. Ein einziges Wort, das die Zukunft einer ganzen Famile für immer verändern wird und wenn Amys Geschwister Opfer wären, würde sich, so war ich mir sicher, mein Leben auch für immer verändern…
Es wäre ein Notfall. Das war das einzige was ich wusste. Schweißgebadet. Ich überlege ob ich mit dem Wagen, zu Fuß oder mit dem Fahrrad zum M4 fahren soll. Eigentlich bin ich sehr nervös und glaube oder hoffe dass Amy endlich meine Liebe erwidert. Im M4 angekommen wirft sie mich ganz aus dem Konzept. Ich soll mich dahin setzen und so tun als ob ich lesen würde. „Ok”, sag ich nur. Ich setze mich, bestelle wie eigentlich immer einen schönen großen Latte Macchiato. Da fällt mir zum ersten Mal auf, dass wir -Amy und ich- uns nicht mal richtig begrüsst haben. Schnell verschwindet die Hoffnung auf einen super unvergesslichen späten Nachmittag.
Die Tür des Ladens geht auf und ein großer, blonder, junger Mann kommt herein. Amy springt sofort auf und mein Herz fänkt langsam an zuschmerzen. Da ich genau am Tisch nebenan sitze, kann ich ihr ganzes Gespräch mitverfolgen. Sie haben sich scheinbar übers Internet kennen gelernt. Über Facebook. Mir hatte sie immer gesagt, sie will diese “Social Networking”-Seiten nicht benutzen, diese würden die Menschlichkeit zerstören. Anscheinend hat sie wohl die Application “Are you interested?” auf Facebook, da sie sich über diese kennen gelernt haben. Plötzlich sagt Chris, so lautet scheinbar sein Name, zu ihr wen sie denn mitgebracht habe. „Versteh ich nicht”, antwortete Amy. „Naja, du bist doch wohl ein kluges Mädchen und hast einen Ruf zu verlieren. Ich nehme mal an dass du jemanden mitgebracht hast der dich schützen soll falls ich irgendwie ein “Psycho” wäre”, lautete seine Antwort.
Ich glaube das war mein Moment mich zumelden, doch ich tat es nicht. Ich laß weiter. Ich spürte Amy’s Blick und konnte einfach nicht anders und schaute hoch. ”Chris, ich möchte dir meinen besten Freund vorstellen.” Da war es also. Das Wort. Das Wort, das kein Mann der Welt hören will, wenn er unendlich in eine Frau verliebt ist. Ich bin nur ein Freund für sie, den sie benutzen kann um den möglichen großen Liebhaber zutesten.
Als Chris endlich nach 2 Stunden und “Abschieds-Bussi” das Lokal wieder verließ, war ich mir noch nicht sicher was ich tuen sollte. Und, ob ich überhaupt was tuen sollte. Das erste Gespräch mit ihr konnte mich auch nicht richtig aufmuntern und mir bei einer Entscheidung helfen. Sie war so aufgeregt und hatte “wirklich den besten Nachmittag seit langem.” Ich frage mich wirklich was ich ihr bedeute. Noch vor 3 Wochen hatte sie eine “super tolle Weihnachtszeit” mit mir verbracht, vor 2 Wochen hatte sie das “beste Sylvester aller Zeiten” mit mir gefeiert und dann bin ich doch “nur” ein Freund. Dabei hatte ich doch gedacht, dass nachdem ernsthaften Gespräch das ich mit ihrem Vater hatte, sie vielleicht daheim schon mehr erzählt hat.
Mensch! Wir hatten doch so eine tolle Zeit. Seit Ende September haben wir jede Menge gelacht, sind “weggelaufen” – das war schön-, haben uns im M4 immer den Tag versüsst mit einem Macchiato und jede Menge Schokolade, haben auf der Uni bis zum Hörsaal geredet, haben “Madagascar 2″ und “Tale of Despereaux” so oft gesehen wie sonst niemand. Wieso nur ein Freund?
Wenn ich nur ein Freund bin wieso hat mich dein Vater gefragt was ich später tuen will und ob man damit überhaupt eine Familie ernähren kann? Meine Welt wurde heute umgedreht.
1 Wort, das meine komplette Welt durcheinander gebracht hat.
1 Wort, dessen richtige Bedeutung ich auf Grund unserer Vergangheit nicht einstufen kann.
Doch, ich konnte nicht anders und hab Amy gesagt, dass ich sehr glücklich für sie bin, aber ich sei mir noch nicht sicher ob er der “Richtige” für sie wäre. „Als “bester Freund” ist dies meine Aufgabe und ich verbiete dir ihn näher an dein Herz zulassen bis dass ich eine Entscheidung in diesem schwierigen Fall getroffen habe”, machte ich ihr in einer schauspielerischen GZSZ-Leistung klar. Amy lachte nur, küsste mich auf die Wange – es war “unser” erster Kuss- und wir beide verliessen das M4.
Doch ich hatte keine Ahnung wie sich dies in den nächsten Tagen entwickeln würde. Eins stand fest, zu Hause angekommen würde ich diesen “Chris” mal googlen. Ich bin grade dabei und höre deshalb hier und jetzt mit diesem Post auf.